 |
"Der Islam in Deutschland muss ein deutscher Islam werden"
fordert der Großmufti von Syrien Dr. Hassoun, der in Oktober 2007 Deutschland besucht.
سماحة مفتي سورية الأول د. حسون في زيارة لألمانيا
Der Großmufti von Syrien, Scheich Ahmad Badreddine Hassoun, ist einer von sechs Großmuftis der islamischen Welt. Er gilt als liberaler Islam-Vertreter.
In der Bemühung, den Dialog zwischen den Religionen in Deutschland zu stärken, folgte der Großmufti Dr. Hassoun die Einladung des Bundesverbandes nach Deutschland zu kommen ohne zu zögern.
Die Interesse in Deutschland ihn zu begegnen ist überwältigend groß.
|
In Oktober trifft Dr. Hassoun in Marburg den katholischen Weihbischof von Hamburg, Hans-Jochen Jaschke, und den evangelischen Bischof von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein. Ein weiteres dichtes Programm folgt in Münster, Aachen, Hannover, Leipzig und Berlin.

Foto Rolf Wegst
Interview mit dem Großmufti in der Frankfurter Rundschau:
Frankfurter Rundschau: In Deutschland mehren sich Zweifel am christlich-muslimischen Dialog. Kardinal Lehmann rügte, er werde nicht ernsthaft genug geführt. Wie kann der Dialog verbessert werden?
Ahmad Badreddine Hassoun: Der Dialog der Religionen wird nur unter Theologen und politischen Eliten geführt. Nötig wäre es dagegen, dass Menschen wie Kardinal Lehmann und ich zur Basis gehen. Die Debatte muss alle Schichten der Gesellschaft ergreifen. Wir müssen raus aus den Kirchen, Moscheen und Konferenzen. Wenn ich im Oktober nach Deutschland komme, werde ich mich dafür einsetzen. Ich treffe nicht nur Bischöfe, sondern auch Studenten.
Sie werden ein Land besuchen, wo laut Umfrage 52 Prozent der Menschen einen ernsthaften Konflikt zwischen Christen und Muslimen sehen. Sitzt das Problem nicht tiefer als auf der Ebene des Dialogs?
Diese 52 Prozent haben den Koran nicht gelesen. Und die Moslems, die finden, dass die Christen ihnen Unrecht tun, kennen das Christentum nicht. Jeden, der die Ausbreitung des Islams fürchtet, frage ich, ob er je in einer Moschee war?
Bischof Huber von der Evangelischen Kirche Deutschland meint, der Dialog leide darunter, dass Unterschiede unterschätzt würden.
Als Moslems sehen wir keine Differenzen zwischen uns und den Gläubigen anderer himmlischen Offenbarungen. Die Geburt Jesu wird auch von 1,5 Milliarden Moslems gefeiert. Jeder Moslem liest im Koran über den Sohn Marias, dem wir die frohe Botschaft über die Ankunft des nach ihm kommenden Propheten Mohammed verdanken. Das Problem ist: Der heutige Dialog reduziert sich zu oft auf die Kritik des anderen. Lasst uns über Gemeinsamkeiten sprechen!
Was sagen Sie zu den Christenmorden in der Türkei?
Das Töten im Namen des Islams verleumdet die Religion. Jeder Mensch ist selbst für seine Taten verantwortlich und nicht die religiöse Gemeinschaft, der er angehört. Ich verurteile die Morde zutiefst. Der Koran befiehlt keine Tötung, keine Zerstörungen, keine Massenvernichtung. Alle Attentate von Bali über Bagdad bis New York haben mit Religion nichts zu tun.
Womit dann?
Viele Theologen und Politiker instrumentalisieren den Islam, wie etwa die Muslimbruderschaften. Doch die Religion muss sich der kulturellen und spirituellen Forschung widmen, nicht der Politik.
Eine zentrale Diskussion in Europa ist: Wie viel Islam vertragen westliche Gesellschaften?
Der Islam kollidiert nicht mit dem Westen. Es gibt radikale Moslems, die sich Fesseln anlegen, die von der Außenwelt als religiöse Fesseln wahrgenommen werden. Wir müssen diesen Menschen erklären, dass es rechtliche Werte und geistig-religiöse gibt. Wer etwa in Deutschland lebt, muss nach deutschem Recht leben.
Sie sind für die Trennung von Staat und Kirche?
Religion steht für Moral und Werte und der Staat für Gesetz und Verfassung. Jeder sollte seine Werte bewahren. Aber kein Staat darf eine Religion aufzwingen. Ich glaube nicht an den religiösen, sondern an den gerechten Staat, der auf Gerechtigkeit beruht und in dem Moslems, Christen, Juden und Laizisten friedlich miteinander leben. Politische Parteien sollten politische Ziele verfolgen. Wenn wir das schaffen, bleibt kein religiös gefärbter Hass zwischen Moslems und Christen, Moslems und Juden.
Die Alltagsdiskussion über den Islam kreist in Deutschland um Reizwörter wie Ehrenmord und Kopftuch.
Der Islam erlaubt niemandem, ein Urteil zu fällen und an seiner Frau oder Tochter zu vollstrecken. Die islamischen Gelehrten müssten die einfachen Moslems in den Moscheen darüber noch mehr aufklären. Der Zwang zum Kopftuch geschieht aus Unwissenheit. Es sind Traditionen, die sie aus ihren Ländern mitbringen und zur Religion erheben. Niemand darf seine Frau oder Tochter zu etwas zwingen, wovon sie nicht überzeugt ist. Aber man muss auch lernen zu respektieren, wenn eine Frau ein Kopftuch tragen möchte.
In Deutschland gibt es immer wieder Streit über den Bau von Moscheen. Was sagen Sie dazu?
Moscheen oder Kirchen dürfen nicht zu Orten der Herausforderung der anderen Seite, keine Orte der Politik werden. Sie sollten Begegnungsstätten sein. In Syrien stehen sie in trauter Nachbarschaft.
Allerdings predigen einige Imame in deutschen Moscheen Hass.
Ja, sie haben viel Schaden angerichtet, vor allem am Islam selbst. Auch deshalb will ich nach Deutschland kommen. In Moscheen und Kirchen sollte zur Liebe unter den Menschen aufgerufen werden. Jeder Prediger, der Hass schürt, egal ob in Deutschland oder einem arabischen Land, muss gestoppt werden. Mir steht jeder Atheist näher als Osama bin Laden.
Wie kann man diese Hassprediger stoppen?
Auch in westlichen Ländern muss ein Gremium geschaffen werden, dass die religiöse Predigt regelt. Eine solche Instanz muss aber von Deutschen gebildet werden, nicht von Türken, Syrern oder sonst wem. Und: Deutschland muss eigene junge Imame ausbilden. Der Islam in Deutschland muss ein deutscher Islam sein.
Interview: Stefan Säemann
Quelle:Frankfurter Rundschau
Dossier über den Großmufti Dr Hassoun
Offenerbrief an seine Heiligkeit Benedikt (Deutsch)
Webseite des Großmufti von Syrien
Offener Brief islamischer Gelehrter an Papst Benedikt XVI.
|